Ab ins Licht

Foto von mir mit 17 Jahren, auf einer Leiter balancierend, in einer Wohnung, richtung Fenster gerichtet

Vor 17 Jahren kam ich nach Berlin. Mit 17 Jahren. Damit lebe ich ab jetzt länger hier als dort. Die Wände der neuen Wohnung waren weiß und leer, das Leben war ein faltbares, formbares, füllbares Stück Papier, ein neues T-Shirt, in das wir mittlerweile gut hineingewachsen sind. Hier und da löst sich ein Saum, die Ränder werden wellig. Es ist nicht mehr kostbar, aber es ist strapazierfähig. Und alles hier ist immer noch hell und klar; und wir schauen nicht zurück.

Das auf dem Foto bin ich, direkt nach dem Einzug in unsere WG. Damals hatten wir alle die gleichen die engen Jeans von Cheap Monday und diese Cardigans von American Apparel an, und dann haben wir solche Fotos gemacht, um sie auf Flickr und Tumblr zu laden. ab-ins-licht.jpg, 09/14/2009.

September-Liste 2026

Collage: Eine gelbe Telefonzelle, Frankfurt Skyline, Kunst, ich vor blauem Himmel

  • Mit der Wirtin aus unserer Eckkneipe besuchen wir eine andere Bar in der Nachbarschaft. Mal was Neues. Sie liest kritisch die Karte. In ihrem olivgrünen Trench Coat sieht sie aus, als wäre sie auf geheimer Spionage-Mission unterwegs. Die Drinks waren gut.
  • Über einer Schüssel Ramen erzähle ich meinen Freunden von meinem aktuellen inneren Konflikt, dass ich nämlich gar nicht wüsste, wie und wer ich nun wirklich sein wollte. M. schaut mich nur neugierig und ein wenig entgeistert an; über sowas habe er noch gar nie nachgedacht. Ich wünsche ihm, dass es für immer so bleibt!
  • Ich liebe es, wenn meine Mitreisenden in der Bahn diese Kopfhörer-Headsets mit integriertem Klapp-Mikrofon aufhaben. Es sieht immer sehr wichtig und geschäftig aus.
  • Auf einem Parkplatz stehen fünf Männer vor einem Auto. Sie begutachten es und fachsimpeln. Einer von Ihnen bekommt von seinem Kumpel zeitgleich eine entspannende Schultermassage.
  • Im Meeting bemerkt ein Kollege meine blond gefärbten Haare und fragt wohlwollend vorsichtig, ob denn bei mir alles okay sei?!
  • Die Frau mir gegenüber in der Bahn hat die Hände gefaltet und die Augen geschlossen, womöglich im Gebet vertieft? Eine erholsame Vorstellung. Dann wacht sie auf und kratzt sich ratlos am Kopf. Vielleicht kein gutes Zwiegespräch? Vielleicht gerade kein Empfang?

Mein erster Atemzug

Mit etwa fünf Jahren begann ich zu atmen. An den Wochenenden, meist am Sonntag morgen, kaperten mein Bruder und ich das Ehebett meiner Eltern. Wir setzen unsere Taucherbrillen auf und die Bettdecken verwandelten sich in ein tosendes Meer; ein wilder Ozean aus Daunen, Kissen und familiärer Wärme. Nach dem Spiel lagen wir dann immer noch eine Weile mit den Eltern im Bett, ganz entspannt, die Ruhe nach dem Sturm. Da beobachtete ich es. Meine Bauchdecke bewegte sich langsam auf und ab. Ich spürte die Luft, die ich in meinem Körper sog, und die dann wieder herausströmte. Ich lag nur da und beobachtete die Bewegung meines Bauches. Das war das erste Mal; meine ersten Atmenzüge.

Noch heute vergesse ich manchmal über Minuten oder gar Stunden das Atmen. Meine Atmung ist pausiert, erst ein bewusster Gedanke daran lässt mich nach Luft schnappen und den Sauerstoff einmal auswechseln. Wie auf Sparflamme bewege ich mich so durchs Leben, sauerstoffarm, ja beinahe luftleer.

August-Liste 2026

  • Neben mir in der Kneipe sitzt ein Mann mit seinem Bier. Mit seinem Handy, ans Glas gelehnt, nimmt er an einer Videokonferenz teil. Es ist ganz still, alle Teilnehmenden unterhalten sich in Gebärdensprache.
  • Bedingt durch wärmere Temperaturen breitet sich die Europäische Gottesanbeterin hier stärker aus. Seitdem sehe ich viele Videos mit Begegnungen zwischen Freunden und dem kuriosen Tier. Das sind kurze schöne Momente, eingebettet in den Schrecken des Klimawandels.
  • Die Sonne scheint, es ist heiß, alle sind froh und ich liege drin und will nichts und will niemanden. Meine Stimmung beschwört ein Gewitter herauf, auf der Terrasse blicke ich in die düsteren Wolken, bin kurz davor einen Zauberspruch auszusprechen, schaue dann aber nur zu, Ultrawidescreen Donnergrollen.
  • 4:58. Ich kann nicht mehr schlafen, es ist heiß und es regnet. Mein Kopf tut weh. Ich höre Beyond the Sunrise von Belle and Sebastian und lese K.s Weblog. Die Zeit vergeht sperrig und magisch.
  • Habe die Sonnenfinsternis natürlich verpasst bzw. nicht wirklich etwas davon gesehen. Aber die Videos online zu gucken ist schön, wie die Menschen für diese beiden Himmelskörper jubeln und staunen, ein kurzes Glück.
  • Die Frau neben mir im Zug sortiert fein säuberlich ihren Tascheninhalt. Alles wird auf dem Tisch verteilt und im rechten Winkel ausgerichtet. Ganz gewissenhaft. Bestimmt beruhigt es sie – und mich auch.
  • Aus heiterem Himmel werde ich während der Arbeit von einer Wespe niedergestochen. Unverhohlen flog sie mir in den Ärmel, stach zu, und wieder hinaus. Mein Arm wurde riesig davon; so sähe das also aus, ginge ich regelmäßig zum Sport.
  • Ich lasse mir die Haare blondieren; alle Zeiger auf Krise. Aber danach schaue ich den Spiegel und frage mich: Warum erst jetzt?!
  • Ich treffe M. zum Frühstück. Er erzählt von seinen Träumen; ein Haus am Meer und eins in den Bergen, und ich bewundere ihn für seine klaren Visionen, auch wenn es vielleicht Luftschlösser sind. Ich will mir auch wieder welche bauen.

Die Welt von drinnen: 20 Jahre Christowski Blog

Cover: Die Welt von drinnen Buch

2026 wird dieses Weblog 20 Jahre alt. 20 Jahre! Seit zwei Dekaden schreibe ich hier in meine kleine Internet-Ecke. Warum eigentlich? Kein Mensch liest mehr Blogs, heißt es, das Internet habe sich auf soziale Plattformen verlagert. Ich glaube tatsächlich, dass fast niemand mehr diese Website besucht, und es gibt hier kein Tracking. Aber das ist mir egal; ich mache es für mich. Das Blog ist mein Ort im Internet, in den mir niemand reinreden kann; mein Ort, den ich selbst gestalten kann. Schreiben hilft mir beim Denken, und der verlockende kleine blaue „Veröffentlichen“-Knopf gibt mir dann das Gefühl, etwas erschaffen zu haben. Sehr genugtuend!

Klar könnte ich auch einfach in ein Notizbuch schreiben, manche Texte bleiben da auch besser. Aber das Teilen meiner Inhalte auf diesem Blog, über all die Jahre hinweg, hat mir meine besten Freunde beschert und mir geholfen, mich selbst ein bisschen besser zu erkennen. Und nur, weil bloggen als Format vielleicht weniger relevant ist, heißt das ja nicht, dass man es lassen müsste.

Die Welt von drinnen: Buchseiten

Zur Feier dieses Jubiläums habe ich ein kleines Buch gemacht. »Die Welt von drinnen« heißt es: 128 Seiten aus 20 Jahren Christowski Blog. Es ist ein Gegenentwurf zum Doomscrolling auf Instagram, ein Zeitvertreib beim Warten auf den Zug, und zum Schmökern vor dem Einschlafen. Es gibt einige Exemplare zu kaufen, hier auf der Landing Page. Viel Spaß beim Lesen, online hier im Blog, oder dann offline, in diesem kleinen Buch.

Juli-Liste 2026

Collage: Toast Hawaii, ich im Boot, ein Drink, Konfetti-Herzen

  • Meine Mutter und ich machen unsere neue Entspannungsübung: Wir legen uns sieben Minuten auf den Boden. Alle Gliedmaßen müssen die Erde berühren, und dann atmen wir: ein (1, 2, 3, 4), und aus (1, 2, 3, 4, 5, 6). Sieben Minuten lang entspannen wir so unsere Nervensysteme.
  • Ich laufe durch die Ritterstraße, die voller (mir) neuer Bürogebäude und Startups ist. Früher war hier doch mal ein Club?, denke ich. So alt bin ich jetzt also. Aber egal wie gentrifiziert eine Gegend in Berlin ist, man muss nur ein oder zweimal um eine Ecke biegen, schon tritt man wieder in Hundekot, und Müll, und irgendwo nimmt jemand Drogen.
  • Die Nachbarn im Haus gegenüber haben ein Gedicht für den verstorbenen Hausmeister geschrieben und ans schwarze Brett gepinnt. Daneben hängen Post-its; Beileidsbekundungen, Erinnerungen, Danksagungen. Bald ist die Beerdigung. So viel Nähe für so eine anonyme Stadt ist wirr und schön.
  • A. macht mir ein Kompliment für mein dichtes Haar. Ich kann ihm gar nicht glauben, aber fortan beflügelt mich der Blick in den Spiegel. Minoxidil wirkt! Die Türkei-Reise kann noch warten!
  • Ich treffe L., der mir verrät, dass er aus einer Designerdynastie kommt – beide Eltern seien Grafikdesigner·innen, so habe er den Beruf kennengelernt. Seine Mutter habe früher, no joke, beim Depesche-Verlag das Diddl-Käseblatt layoutet.
  • Es ist Freitagabend und wir sitzen in einer Bar am Pfefferberg, und alle Gäste sind merkwürdig gut angezogen, fast, als wären wir in München. Ich frage die übertrieben stylische Kellnerin auf Englisch, ob das hier normal sei. Sie schaut etwas verwirrt, offenbar also ja.
  • P. überredet mich, abends noch mal zu dem Baum zu spazieren, in dem er die Waschbären gesehen hatte. Wie zwei alte Herren starren wir nach oben, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Wir schauen lange, und dann schauen sie zurück, von weit oben, zehn kleine Äuglein, die durch den Baum klettern und mit uns innehalten.
  • Gegen 20 Uhr laufe ich über die leeren Straßen der Pride Parade; der Umzug ist mittlerweile am Brandenburger Tor angelangt. Ein Feuerwehrmann steht auf seinem Fahrzeugdach und spritzt die Straße mit Wasser ab, ein paar glitzernde Mädchen kreischen, lachen, werden nass; der Feuerwehrmann lacht mit. Das will ich vom Samstag behalten; diese Stimmung; wie schön kann etwas sein. Nach dem Anschlag, nachts, hänge ich am Handy, lese Ticker, wir schreiben uns; alle, die ich kenne, sind okay. Nicht Angst macht sich in mir breit, sondern eine Wut, die ich bisher kaum verspürt habe, so klar und stark und scharf; jetzt erst recht.

Juni-Liste 2026

Bilfcollage: Sonja und ich, Notizbuch, Pride, Wolke

  • Im Vorbeigehen höre ich eine Frau zu ihrer Freundin sagen: »Du, ich mache es jetzt anders. Ich arbeite zum Beispiel unter der Woche und auch am Wochenende überhaupt nicht mehr.«
  • Vienna Pride: Eine fremde Frau, als Fee verkleidet, tanzt an uns vorbei und schreit »Mund auf!« Dann sprüht sie J., der das bereitwillig tut, mit einer Wasserpistole in den Mund. D. und ich schauen uns entgeistert an, nie im Leben hätten wir …, und dann ist der Moment auch schon vorbei.
  • Die Straßenbahnen fahren nicht mehr, der Boden ist aufgeplatzt, neben den Schienen quillt die Bitumenmasse hervor. Auf dem glühend heißen Boden verbrenne ich meine Fußsohlen.
  • In der Hitzewelle liege ich mit einem nassen Handtuch und heißen Kopf in meinem abdunkelten Wohnzimmer. Bin ich wirklich so träge von der Hitze, oder bin ich vor allem träge, weil mir das auf Social Media eingeredet wird? Realität und Fiktion verschwimmen, 72 Stunden Delirium.
  • Ich telefoniere mit J. in Colorado. Wegen der vielen Feuer in den USA ist die Luft schlecht, rausgehen ohne Maske ist anstrengend. Hier in Berlin hat es 39 Grad, die Stadt ist müde und leer. F. hat Hautausschlag vom Eichenprozessionsspinner, der die Wälder und Parks in Beschlag genommen hat. Das ist es, das Leben mitten in der Klimakatastrophe.
  • Auf dem Weg nach Potsdam halten wir kurz und schlendern durch die »Nutheschlange«, eine Wohnsiedlung, die Doris und Hinrich Baller hier Ende der 1990er entworfen haben. Wie in den meisten ihrer Entwürfe herrscht auch hier eine surreale Ruhe, eine, die man einer Stadt heutzutage überhaupt nicht mehr erlauben würde.
  • In unserem jährlichen Writing = Design Workshop kommt, natürlich, irgendwann das Thema KI auf. Ich versuche, elegant darum herum zu navigieren, will vermeiden, dass das Thema die ganze Woche einnimmt. Das kann es nämlich gut; jede Debatte, jeder Optimismus wird vergiftet.
  • Manchmal reicht für das absolute Glück eine grüne Welle beim Fahrradfahren.